Quelle: PRO ASYL e.V.

10 Fakten, die man über Flüchtlinge wissen sollte.

Durch die Zunahme der Zahl von Asylsuchenden gibt es wieder
öffentliche Diskussionen über Flüchtlinge.


„Asyl ist ein Privileg“
ist dabei oft zu hören, „Ich bin auch arbeitslos“, oder „Wir können doch nicht alle aufnehmen“. Dabei ist zunächst festzustellen: Die Frage, wer bei uns Flüchtlingsschutz erhält, ist gar nicht verhandelbar. Der Anspruch auf Zuflucht vor politischer Verfolgung hat Verfassungsrang in Deutschland.

Die Genfer Flüchtlingskonvention ist weltweit in 147 Staaten gültig. Auf dieser Grundlage haben Flüchtlinge ein Recht auf eine faire Prüfung ihrer Schutzbedürftigkeit.

Den Schutzanspruch von Flüchtlingen kann man weder in Frage stellen noch kontingentieren.


1. Die Zahl der Asylsuchenden in Europa steigt.
„Wir können doch nicht die ganze Welt aufnehmen“, heißt es nun.

Richtig ist: Davon sind wir Lichtjahre entfernt. Nur ein Bruchteil der Flüchtlinge kommt nach Europa.

Weltweit sind 45 Millionen Menschen auf der Flucht, davon sind 29 Millionen nicht einmal über die eigenen Staatsgrenzen hinausgekommen. 81 % der Flüchtlinge weltweit leben in Entwicklungsländern.
Die meisten Flüchtlinge bleiben in der Region, warten und hoffen auf eine Möglichkeit zur Rückkehr. Denen,die weiter wollen, fehlen häufig die Mittel: Wer zu arm ist, kann es nach Europa gar nicht schaffen.


 

2. Gefühlt ist Deutschland Hauptzielland
aller Flüchtlinge in Europa.

Richtig ist: Innerhalb Europas liegt Deutschland mit seinen Asylzahlen seit Jahren im Mittelfeld.

2013 baten in Deutschland knapp 110.000 Menschen um Asyl, 2012 waren es 65.000 Asylsuchende. Es ist vor allem für die Betroffenen eine traurige Tatsache, dass derzeit besonders viele Menschen in Staaten wie Syrien, Afghanistan und anderen fliehen müssen, um ihr Leben zu retten.
Für Deutschland als Aufnahmeland ist die zuletzt sprunghaft gestiegene Zahl der Asylsuchenden aber kein Grund zur Besorgnis. In der Vergangenheit gab es niedrigere, aber auch weit höhere Asylzahlen.



3. Ahnungslose sind überzeugt: „Die meisten
sind nur Wirtschaftsflüchtlinge.“

Richtig ist: Die Gründe, die Menschen in die Flucht treiben, wiegen schwer. Sie heissen Krieg, Verfolgung, Existenzgefährdung.

Niemand setzt sich leichtfertig nachts in ein marodes Boot, wissend, dass der Tod droht. Niemand setzt alles aufs Spiel, lässt alles los – Heimat, Besitz, Familienangehörige, vielleicht sogar Kinder – und das alles nur in der Hoffnung auf den Bezug von Sozialleistungen. Wer Asyl sucht, sieht darin oft die letzte Überlebenschance.


 

4. Egoisten sagen: „Unser Asylrecht kann die Probleme der Welt nicht lösen, wir haben genug eigene Probleme.“

Richtig ist: Wir sind mitverantwortlich für die Bedingungen, die Menschen in die Flucht treiben.

Selbstverständlich ist die Politik der Industriestaaten nicht allein verantwortlich für Fehlentwicklungen, Misswirtschaft, Despotie und Bürgerkriege in anderen Staaten. In einer Welt, in der global gehandelt und Politik gemacht wird, sind Zusammenhänge aber nicht zu leugnen. Über viele Jahre haben die europäischen Regierungen unterdrückerische Regime und Gewaltherrschaften gestützt. Ein Ziel: Die vorverlagerte Flüchtlingsabwehr. Die nordafrikanischen Diktatoren Gaddafi in Libyen und Ben Ali in Tunesien wurden vom Westen ähnlich hofiert wie die repressiven arabischen Regime Saddam Husseins im Irak, Assads in Syrien und – bis heute – die despotischen Königshäuser Saudi- Arabiens und andere Golfstaaten. Die Kriege, die die USA mit ihren europäischen Verbündeten beispielsweise im Irak oder in Afghanistan geführt haben, haben neue Fluchtbewegungen ausgelöst.


5. Hektisch eröffnete Notunterkünfte suggerieren: Wir haben nicht genug Platz, die neu ankommenden Flüchtlinge unterzubringen.

Richtig ist: Mit vernünftiger Planung könnten wir viel mehr Menschen aufnehmen.

Die gestiegenen Flüchtlingszahlen haben den Bedarf an Unterkünften erhöht. Die örtliche Unterbringungsnot ist allerdings oft hausgemacht: Die Behörden haben ihre Planungen an den Asylbewerberzahlen um das Jahr 2007 orientiert damals waren die Flüchtlingszahlen auf einem historischen Tiefstand, viele Flüchtlingsunterkünfte wurden seither geschlossen. Dabei war absehbar, dass insbesondere aus bestimmten Krisengebieten künftig auch wieder mehr Flüchtlinge kommen würden, doch die Verwaltungen haben zu spät reagiert. Zum Problem gehört auch der Abbau des sozialen Wohnungsbaus. Viele Kommunen haben ihre Immobilien verkauft und besitzen kaum noch günstigen Wohnraum.


 

6. Böse Geister flüstern es uns ein: Asylsuchende seien kriminell, gefährlich oder brächten den bisher so schönen und sicheren Stadtteil in Unordnung.

Richtig ist: Flüchtlinge sind so verschieden wie Menschen eben sind.

Auch wenn es immer wieder behauptet wird: Hinweise darauf, dass Flüchtlinge öfter straffällig würden als andere Menschen, gibt es nicht. Auch nicht, dass Menschen nichtdeutscher Herkunft krimineller sind als die Durchschnittsbevölkerung. Die Kriminalstatistik der Polizei, die immer wieder als Argument für angeblich höhere Kriminalität „der Ausländer“ herangezogen wird, ist irreführend. Ein wichtiger Grund: Die Polizeistatistik erfasst Tatverdächtige, nicht Täter/innen. Daraus kann man lediglich schließen, dass (vermeintliche) „Ausländer“ häufiger unter Verdacht geraten und polizeilich kontrolliert oder angezeigt werden. Das aber ist vor allem ein Indiz für das Misstrauen, das ihnen häufig entgegenschlägt. Nicht zuletzt die Ermittlungen zu den NSU-Morden haben das erschreckend deutlich gemacht: Zehn Jahre lang wurden die türkischen oder griechischen Angehörigen der Opfer von der Polizei als mutmaßliche Täter/innen behandelt, während tatsächlich deutsche Rassisten die Täter waren – sie aber blieben von der Polizei lange unbehelligt.


 

7. Manche Anwohner sagen: Wir wollen kein Flüchtlingsheim, weil unser Haus dann an Wert verliert.

Richtig ist: Wohnungen für Flüchtlinge machen es allen Seiten leichter.

Viele Vorbehalte gegen die Ansiedlung von Flüchtlingen entstehen vor dem Hintergrund, dass eine „Massenunterkunft“ geplant ist, mit allen als unschön empfundenen Begleiterscheinungen: Plötzlich gibt es zahlreiche unbekannte Menschen im Viertel, mangels Garten oder Spielzimmer halten sich insbesondere Kinder viel auf der Straße auf, viele Menschen machen mehr Lärm als wenige, zu klein geplante Müllcontainer quellen
über. Solche Erscheinungen haben nichts mit Lebensstil zu tun, sondern sind eine Folge der Gemeinschaftsunterbringung. Massenunterkünfte gehen vor allem ihren Bewohner/innen auf die Nerven. Das erzwungene Zusammenleben mit anderen, die räumliche Enge, die mangelnde Privatsphäre, fehlende Integrationsangebote, die Ablehnung von außen: Vor dem Hintergrund der Flucht und der unsicheren Aufenthaltssituation ist das eine enorme psychische Belastung. Flüchtlinge sollten in normalen Wohnungen untergebracht werden. Dann ist auch die Chance größer, dass die Nachbarn keinen Bogen um sie machen, ja, vielleicht sogar auf sie zugehen.


 

8. Viele Menschen denken: So viele Flüchtlinge aufzunehmen, können wir uns nicht leisten.

Richtig ist: Menschenrechte zu beachten kostet Geld, und das können wir uns leisten. Zudem können Flüchtlinge viel leisten – wenn man sie lässt.

Es ist eine juristische Tatsache: Flüchtlinge zu schützen ist eine humanitäre und völkerrechtliche Verpflichtung, die keiner Kosten- Nutzen-Rechnung unterliegen darf. Das Asylrecht in unserer Verfassung, die Genfer Flüchtlingskonvention, die Europäische Menschenrechtskonvention und andere Regelungen sind die teils gemeinsame Antwort vieler Staaten auf die Grausamkeiten von Krieg, Völkermord, Verfolgung. Nachdem Millionen von Menschen vor der Verfolgung und Vernichtung im Nationalsozialismus fliehen mussten oder dagegen kämpften, schrieben die Mütter und Väter des deutschen Grundgesetzes dem Schutz Verfolgter eine zentrale Bedeutung zu. Für die Bundesrepublik sind das Asylgrundrecht, die europäische Gesetzgebung und vor allem das Völkerrecht verbindlich – auch dann, wenn es Geld kostet. Wer das in Frage stellt, stellt unseren modernen Rechtsstaat in Frage.


 

9. Viele machen sich Sorgen: Immer mehr Zuwandernde bringen unseren Sozialstaat ins Wanken.

Richtig ist: Ohne Einwanderung sehen wir alt aus.

Im Jahr 2012 sind 1,08 Millionen Menschen nach Deutschland eingewandert, davon waren nur rund 65.000 Asylsuchende – das sind sechs Prozent. Viel größer ist die Zahl derer, die aus anderen Gründen kommen: Studierende, Geschäftsleute, Arbeitnehmer/innen, junge EU-Bürger/innen auf der Suche nach einer Lebensperspektive in der Finanzkrise. Selten beachtet wird die große Zahl der Fortzüge: Ebenfalls 2012 sind 712.000 Menschen aus Deutschland (wieder) ausgewandert. Unter dem Strich blieb ein Zuwanderungsplus von weniger als 300.000 Menschen. Weil darunter besonders viele qualifizierte und junge Menschen waren, feierte die Bundesregierung den Anstieg der Zuwanderung als „Riesengewinn für alle Seiten“.


 

10. Neonazis behaupten, durch Zuwanderung gehe die deutsche Kultur zu Grunde.

Richtig ist: Die angeblich „deutsche“ Kultur und Bevölkerung spiegelt eine jahrtausende lange Migrationsgeschichte wider.

Auf den ersten Blick scheint verwunderlich, dass Menschen gerade in solchen Gegenden mehr Angst vor einer vermeintlichen „Überfremdung“ haben, wo statistisch gesehen die wenigsten „Ausländer“ leben. Auf den zweiten Blick ist dies jedoch plausibel: Wo Alteingesessene meist unter ihresgleichen bleiben, fallen Menschen anderer Herkunft auf – egal wie unauffällig sie sich benehmen. Wo Menschen nicht mit Migrantinnen und Migranten in Kontakt kommen, halten sich auch rassistische Vorurteile am längsten. An Orten dagegen, in denen schon lange viele Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenleben, stellt sich schneller Gelassenheit und Normalität ein.